Was uns ohne Felix Neureuther fehlen wird

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Einer der prägenden Figuren des deutschen Sports in den vergangenen Jahren macht Schluss: Felix Neureuther beendet nach dieser Saison seine Karriere – und wir wissen: Es wird uns künftig einiges fehlen.

Ein Mann, der dem Skizirkus fehlen wird: Foto: AFP

Ein Mann, der dem Skizirkus fehlen wird:

Foto: AFP

Stuttgart – Felix Neureuther beendet seine Karriere. An diesem Sonntag schlängelt sich der Mann aus Garmisch-Partenkirchen in Andorra zum letzten mal durch die Slalomstangen. Damit fehlt der alpinen Abteilung des Deutschen Skiverbandes (DSV) künftig der unterhaltsame Frontmann, sein absolutes Aushängeschild, das Gesicht einer ganzen Sportart – übrigens nicht nur deutschlandweit. Auch wenn es zu Olympia-Gold nicht reichte wie bei seiner Mutter Rosi Mittermaier, ist Neureuther eine der prägenden Figuren des Skizirkus gewesen – gut 15 Jahre lang. Wer in seine Fußstapfen treten wird, ist eine gute Frage. Fest steht, dass die Skiwelt einiges vermissen wird – ohne den humorvollen Felix. Zum Beispiel das hier:

Die Show: Felix Neureuther? Lustiger Bursche, immer schon. Es fing ja an bei den Ski-Weltmeisterschaften in Are 2007. Als zweiter des ersten Durchgangs lag der Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther auf Medaillenkurs. Doch im zweiten Lauf lupfte es ihn schon ziemlich weit oben aus der Spur. Nachdem abgeschwungen hatte, verließ der den Zielraum aber nicht geknickt und schon gar nicht fluchtartig. Er setzte stattdessen zur Flucht nach vorne an, kletterte die Tribüne hoch zur schwedischen Kronprinzessin Viktoria und überreichte ihr feierlich sein Nummern-Hemd.

So hat sich im alpinen Skizirkus noch nie ein Verlierer präsentiert – selbstbewusst, unbekümmert, aber vor allem mit einem Augenzwinkern. Selbstironie ist immer seine Stäre gewesen. Warum er, wie ihm ein Teamkollege später vorhielt, der Thronfolgerin nicht auch noch seine Telefonnummer zusteckte, ist eine gute Frage. Hat er da was verpasst?

Erster Weltcup-Sieg in Kitzbühel

Die Ausfälle: Sie waren schon verrückt, die ersten Jahre des Felix Neureuther im alpinen Weltcupzirkus. Jahrelang war die Frage, ob er im Ziel ankommen würde oder nicht, die am meisten gestellt gestellte. Wie in Are bei der WM purzelte der Mann aus Garmisch immer wieder aus den Rennen. Sein traumhafter Slalomstil war über jeden Zweifel erhaben – aber er fand oft nicht die gesunde Mischung zwischen Attacke und Sicherheitsdenken. Am 4. Januar 2003 gab er sein Weltcupdebüt – doch auf den ersten Sieg mussten Neureuther-Fans lange warten.

Mehr als sieben Jahre später, am 24. Januar 2010, war es endlich soweit. Neureuther gewann den Slalom von Kitzbühel, wo auch schon sein Vater Christian gewonnen hatte. Der stand unten im Zielraum, umarmte mit Tränen in den Augen seinen Sohn, und sagte nur: „Das ist der Wahnsinn.“ Ansonsten muss man Vater Neureuther wirklich zu Gute halten, dass er seinen Sohn zwar gefördert hat, sich aber im Verlauf der Karriere von Felix Neureuther immer zurückhielt: „Bitte keine Frage zum Felix“, sagte der Vater Christian immer wieder. Und so hielt es auch die Mutter von Felix Neureuther, die Gold-Rosi.

Die Verletzungen: Fährt er? Fährt er nicht? Das war oft immer so ein quälendes Hin und Her in der Karriere des Bayern. In den vergangenen Jahren zwickt und zwackte es ihn immer wieder. Die letzten Neureuther-Auftritte waren oft abhängig davon, ob der Rücken mitmacht. Meist hat er auf die Zähne gebissen, meist aber auch zur Vorsicht den Riesenslalom ausgelassen, um sich wenigstens im Slalom zu zeigen.

Unvergessen ist Neureuthers Auftritt bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Auf der Reise zum Münchner Flughafen rutschte sein Auto auf spiegelglatter Fahrbein gegen die Leitplanke. Statt in den Flieger ging es in München zum Arzt – Schleudertraume. Mit Verspätung in Sotschi angekommen, verkündete Neureuther mit Halskrause und dem Bewegungsradius eines 90-Jährigen: „Es geht scho. I foahr.“ Es war unvorstellbar, dass dieser Mann im Slalom starten könnte – aber er tat es. Im Riesenslalom belegte er den achten Platz, während er im Slalom – auf Rang sieben mit geringem Abstand zu einem Medaillenplatz liegend – im zweiten Durchgang ausschied. Neureuther äußerte danach die Absicht, bei den nächsten Winterspielen in Südkorea mit dann fast 34 Jahren noch mal mitzumachen. Tapfer! Doch ein Kreuzbandriss machte ihm einen Strich durch die Rechnung – er musste daheim bleiben.

Auch die Österreicher lieben Felix Neureuther

Die Erfolge: Wenn er siegte, tobten die Fans im Zielraum – ganz egal wo. 13 Weltcuprennen gewann Neureuther. Bei Olympischen Winterspielen ging er leer aus, doch bei Weltmeisterschaften holte er 2005 in Bormio immerhin Mannschaftsgold und später noch eine Silbermedaille und drei Auszeichnungen in Bronze. Der zweite WM-Platz in Schladming gegen den Dauerrivalen Marcel Hirscher, er fuchste Neureuther, aber er musste sich wie so oft eingestehen, „dass den Marcel kein Kraut gewachsen ist“.

Der lustige Geselle, der immer einen coolen Spruch parat hatte, war bei den Österreichern fast beliebter als die etwas unnahbare „Rennmaschine“ Hirscher, es heißt, am liebsten hätten die Ösis den Mann aus Garmisch adoptiert. Hirscher selbst hatte damit nie ein Problem, die beiden sind ohnehin immer sehr respektvoll miteinander umgegangen, waren sogar fast ein bisserl miteinander befreundet. Hirscher selbst sagte einmal: „Wenn ich kein Skirennläufer geworden wäre und nur Zuschauer, dann wäre ich ein Fan vom Felix.“

Die Zukunft: Worauf kann man sich im Hinblick auf Neureuthers Leben nach der sportlichen Karriere freuen? Auf Fernsehauftritte in irgendwelchen Rate-Shows? Das ist möglich. Allerdings wird Felix Neureuther nicht so omnipräsent sein wie seine Eltern noch vor einigen Jahren, heute sind sie nicht mehr so oft zu sehen. Ihm und seiner Schwester Ameli wurde das irgendwann zu viel. Aus Furcht, Mama und Papa könnten sich zu sehr blamieren, wenn sie bei einer Top-Hits-Show ihre Erinnerung an alte Songs mitteilen („Ja, super!“), sollen sie ihnen geraten haben, sich öffentlich etwas rarer zu machen.

Das Gemüt von der Rosi und das Draufgängertum von Christian – Felix Neureuther ist eine gesunde Mischung aus beidem gewesen. Doch im Neureuther-Strammbaum geht es weiter. Töchterchen Matilda könnte, die Gene ihrer Großeltern und des Vaters einmal zusammengefasst, in gut 25 Jahren alpine Olympiasiegerin werden. Oder etwas ganz anderes machen, so wie Neureuthers Schwester Ameli. Die fällt als Modedesignerin ein bisschen aus der Art.