Start-up-Bilanz: Berlin ist mit Abstand Spitzenreiter in Deutschland

Man nennt sie Einhörner. Gemeint sind jene Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet werden. In der noch jungen Tech-Sparte des Finanzwesens schaffte das hierzulande bislang kein Start-up. Nun aber wurde die Marke gerissen. Die 2013 gegründete Berliner Smartphone-Bank N26 hat bei Investoren 260 Millionen Euro eingesammelt und wurde von ihnen auf insgesamt 2,3 Milliarden Euro taxiert. Kein deutsches Fintech-Unternehmen wird derzeit höher bewertet.

Für die Berliner Start-up-Gemeinde beginnt das neue Jahr damit so, wie das vergangene aufgehört hatte. Denn auch da erwiesen sich die jungen Tech-Unternehmen aus der Hauptstadt als die Lieblinge der oft weltweit agierenden Risikokapitalanleger. Insgesamt 2,64 Milliarden Euro steckten Investoren 2018 in hoffnungsvolle Berliner Start-ups. Das war mehr als Start-ups in allen anderen Bundesländern zusammen einsammeln konnten. Bundesweit flossen im vergangenen Jahr insgesamt 4,6 Milliarden Euro in junge Technologie-Firmen.

Investitionsvolumen gesunken

Zu diesen Ergebnissen kommt die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, vormals Ernst & Young, in ihrem aktuellen Start-up-Barometer. Berücksichtigt wurden dafür Unternehmen, die vor höchstens zehn Jahren gegründet wurden und klassische Risikokapitalinvestitionen bekamen. Aber auch Kapital aus Börsengängen wurde in die Analyse einbezogen.
Berliner Start-ups schlossen demnach im vergangenen Jahr 247 Finanzierungsrunden ab.

Das waren rund sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings kam dabei weniger zusammen als noch 2017. Denn das Investitionsvolumen sank von 2,97 auf 2,64 Milliarden Euro, also um elf Prozent. Von den Autoren der Studie wird dies mit einer geringeren Zahl von Mega-Transaktionen in der Bundeshauptstadt begründet. Tatsächlich hatte 2017 hatte allein der Essenslieferant Delivery Hero bei zwei Transaktionen insgesamt 808 Millionen Euro erhalten.

Die Konkurrenz wächst

Für Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) ist damit dennoch klar, dass Berlin der Spitzenreiter in der Digitalwirtschaft „ist und bleibt“. Zudem zeige es das starke Vertrauen der Investoren in den Standort Berlin. Fakt ist aber auch, dass der EY-Studie zufolge Jungunternehmen aus Bayern, Hamburg und Nordrhein-Westfalen deutlich mehr Investitionen anziehen konnten. In Hamburg wuchs das Investitionsvolumen um 138 Prozent auf 548 Millionen Euro. Dort hatte insbesondere der Onlineshop About You, ein Tochter-Start-up des Otto-Konzerns, frisches Kapital im Gesamtwert von 320 Millionen Euro bekommen. In Bayern etwa verdoppelte sich auf das Volumen 802 Millionen Euro.

„Gerade der Start-up Standort Bayern mit dem Zentrum München entwickelt sich zurzeit stark und holt mit großen Schritten auf. Die Verbindung von Spitzenforschung, enormer Wirtschaftskraft mit zahlreichen DAX-Konzernen und einer hohen Dichte von Risikokapitalinvestoren, gepaart mit einer hohen Lebensqualität, entwickelt eine vielversprechende Dynamik“, so Hubert Barth von EY Deutschland.

Klare Ziele in der Klosterstraße

Wenngleich auch 2018 das meiste Geld erneut in E-Commerce-Unternehmen floss, so ging der Anteil dieses Segments am gesamten Finanzierungsvolumen von 42 auf 35 Prozent zurück. Einen deutlichen Anstieg gab es dafür im Segment Software & Analytics, das hochtechnische Geschäftsmodelle etwa aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Virtual Reality zusammenfasst. Auch hier hat sich die Investitionssumme gegenüber dem Vorjahr von 295 auf 670 Millionen Euro mehr als verdoppelt. „Dass stark technologiegetriebene Start-ups inzwischen zweistellige Millionensummen anziehen, ist eine gute Nachricht für den Hightech-Standort Deutschland“, sagt EY-Studienleiter Peter Lennartz.

Fintech-Unternehmen rangierten in der Hitliste der Investoren im vergangenen Jahr auf dem dritten Platz. Rund 660 Millionen sammelten sie ein. Mit der aktuellen Investition in die Berliner Smartphone-Bank N26 ist also schon heute klar, dass der Fintech-Bereich im 2019er Start-up-Barometer einen Sprung nach vorn machen wird.

N26 soll erste globale mobile Bank werden

Mit den eingesammelten 260 Millionen Euro hat das Unternehmen aus der Klosterstraße in Mitte übrigens viel vor. Für Valentin Stalf, Chef und Mitbegründer des Unternehmens, nutzten weltweit noch immer zu viele Menschen schlechte digitale Bankprodukte und zahlten zu hohe Gebühren. „Wir haben jetzt mehr denn je die Chance, mit den besten Investoren der Welt eine der größten Industrien umzukrempeln“, sagt der 33-Jährige.

Zusammen mit Co-Chef Maximilian Tayenthal will er N26 von Berlin aus zur ersten globalen mobilen Bank machen. Derzeit ist das Unternehmen in 24 Märkten in ganz Europa tätig. In der ersten Hälfte dieses Jahres soll die N26-App auch in den USA genutzt werden können. Seit der Markteinführung des ersten Produkts im Januar 2015 hat N26 mehr als 2,3 Millionen Kunden gewonnen und bisher mehr als 20 Milliarden Euro Transaktionsvolumen abgewickelt. Kunden halten derzeit über 1 Milliarde Euro auf N26-Konten. In den kommenden Jahren will das Unternehmen weltweit über 100 Millionen Kunden erreichen.