„Fackel Nummer 1“

Das Kreuz ist in den Bürgersteig auf dem Prager Wenzelsplatz eingelassen. Es wölbt sich wie eine leichte Welle. Die meisten Touristen gehen achtlos an ihm vorbei. Doch es ist der Ort einer Verzweiflungstat, die bis heute in der tschechischen Gesellschaft nachwirkt.

Wenige Meter von hier übergoss sich vor 50 Jahren, am 16. Januar 1969, der 20 Jahre alte Student Jan Palach mit Benzin und zündete sich an. Drei Tage später starb er nach unvorstellbaren Schmerzen in einem Krankenhaus. Mit seiner Tat protestierte Palach gegen die Niederschlagung der Demokratiebewegung Prager Frühling. Truppen des Warschauer Pakts hatten die Tschechoslowakei nur wenige Monate zuvor, im August 1968, besetzt. In einer Aktentasche hinterließ Palach einen Abschiedsbrief. Er wolle „die Menschen dieses Landes aufrütteln“, das sich am Rande der Hoffnungslosigkeit befinde. Und er forderte die sofortige Aufhebung der staatlichen Zensur.

Die Orientierung des Bronzekreuzes vor dem Nationalmuseum gibt an, in welche Richtung Palach, der sich selbst als „Fackel Nummer eins“ bezeichnete, zu Boden stürzte. Das kommunistische Polen hatte die Selbstverbrennung des Philosophen Ryszard Siwiec im September 1968 erfolgreich vor der eigenen Öffentlichkeit verbergen können. Doch die Nachricht von Palachs Freitod verbreitete sich schnell. Tragischerweise gab es auch Nachahmer. Der Brauereiarbeiter Josef Hlavaty und später der 18-jährige Schüler Jan Zajic fanden den Tod. Mit jedem Tag wuchs die Sorge, dass weitere „lebende Fackeln“ sterben würden. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Vaclav Havel (1936-2011) wandte sich mit einem Appell im Fernsehen an seine Mitbürger. „Den Tod von Jan Palach begreife ich als Warnung vor dem moralischen Selbstmord von uns allen“, sagte der spätere Nachwendepräsident. Er betonte: „Es ist eine Chance, die uns, den Lebenden, gegeben wurde.“

Ein neuzeitlicher Jan Hus

Viele in der Tschechoslowakei sahen in Jan Palach einen neuzeitlichen Jan Hus. Der Kirchenreformer aus Böhmen war im Jahr 1415 beim Konzil der katholischen Kirche in Konstanz als Ketzer zum Tode verurteilt worden. Tatsächlich sagte Palach, dessen Haut zu 85 Prozent verbrannt war, einer Psychologin kurz vor seinem Tod: „Ich habe Schmerzen, aber Hus ist auch auf dem Scheiterhaufen gestorben.“ Bei der Beerdigung Palachs verzierte ein Kelch, das Zeichen der Hussitenbewegung, den Sarg.

Keine der Forderungen Palachs wurde erfüllt. Die Zensur ging weiter. In der Zeit der „Normalisierung“ der Verhältnisse in den 1970er und 80er Jahren zogen sich die Menschen ins Private zurück. Doch einen Nachhall fand die Tat im Januar 1989, als Dissidenten zum 20. Todestag zu einer „Palach-Woche“ mit Kranzniederlegungen und Kundgebungen aufriefen. Viele Historiker sehen darin heute einen Vorläufer der späteren Massendemonstrationen, die im November 1989 die Samtene Revolution, die demokratische Wende, einleiteten.

Zum 50. Jahrestag der Selbstverbrennung sind eine Reihe von Veranstaltungen und Ausstellungen geplant. Ein im Bau befindliches Museum im Elternhaus Palachs wird freilich erst im August fertig. Vor der Prager Karlsuniversität werden Gedenksteine an der Stelle enthüllt, an welcher der Sarg mit den Überresten des Studenten aufgebahrt war. Fehlen wird dabei Ministerpräsident Andrej Babis, der sich auf einer Asien-Reise befindet. Bei einer Feier für die Opfer des Sowjeteinmarschs 1968 war Babis im August ausgepfiffen worden. Er war vor 1989 selbst kommunistisches Parteimitglied.

Unterdessen haben in Prag Berichte für Bestürzung gesorgt, dass italienische Rechtsextreme versuchen, sich das Erbe Palachs missbräuchlich anzueignen. Man habe Informationen erhalten, dass am 19. Januar auf einem Konzert zum Todestag des Studenten im norditalienischen Verona rechtsextreme Gruppen auftreten sollen, teilte das tschechische Außenministerium mit. Man sei im Kontakt mit der italienischen Seite mit dem Ziel, „den Missbrauch des Namens Jan Palach in einem inakzeptablen Kontext zu verhindern“.