Chaos in Bayern: Zwischen Schneehexen und der Gefahr vom Dach

Das Auto hat Familie Gruber vorerst aufgegeben. Der graue Mercedes ist unter der Schneewehe vor dem Haus in Waakirchen/Point im Landkreis Miesbach nicht mehr auszumachen. „Wir haben am Anfang noch versucht, den Wagen freizuschaufeln“, sagt Yvette Katzer-Gruber, „aber es war zwecklos.“ Immerhin haben sie den Weg zur Haustür freibekommen. Der weiße Berg, der sich dort türmt, geht ihr mittlerweile bis zur Schulter. Das heißt, sie muss den schweren Pappschnee nun mit der Schaufel fast in Kopfhöhe balancieren, um ihn zur Seite zu räumen.

Schneebedeckte Straße in Bayern.
Bayerischer Wald: Auch im Norden des Freistaats wurden Straßen wegen zu hoher Schneelast auf den Bäumen gesperrt.Foto:dpa/Armin Weigel

Der Weg, den sie und ihr Mann Walter geschaufelt haben, ist eher ein Tunnel und so schmal, dass man beim Hindurchgehen die Arme vor den Körper nehmen muss. Um sich dieses Minimum an Bewegungsfreiheit zu erhalten, hat die 54-Jährige am Sonntag noch vor dem Frühstück wieder mit dem Schippen angefangen. Den Nachbarn geht es ähnlich. In der Nacht hatte es erneut geschneit – schweren, nassen Pappschnee. Die meisten, die an diesem Sonntag räumen, stehen deshalb nicht vor dem Haus, sondern oben auf dem Dach.

Regen tränkt den Pappschnee

Die Dächer. Sie sind im gesamten Landkreis das Hauptproblem. Die Grubers beobachten seit Tagen die Last auf ihrem Haus, doch das Dach ist zu abschüssig, um selbst darauf herumzukraxeln. Vom Balkon aus sieht man, wie ein Schneebrett weit über den First hinausragt. Der eisige Wind hat ein Muster eingegraben – die eisige Gefahr ist eine Schönheit. Für solche Überlegungen fehlt den Grubers allerdings der Sinn. Sie trösten sich mit dem Gedanken, dass ihr Haus bisher allen Schneemassen standgehalten hat. Aber die Situation ist in diesem Jahr eben nicht wie bisher.

Weil es seit Tagen bei Temperaturen um ein, zwei Grad schneit, ist der Schnee viel wasserhaltiger, als wenn Minusgrade herrschen. Ein Kubikmeter Pappschnee wiegt bis zu 200 Kilogramm. Fällt auf die Schneemasse Regen, saugt sich der Schnee weiter voll – und kann dann 300 bis 500 Kilogramm wiegen. Genau das ist am Sonntagnachmittag in Miesbach der Fall. Es regnet Stunde um Stunde, und man kann die Anspannung in der Stadt förmlich spüren. „Die Lage spitzt sich zu“, sagt die Sprecherin des Landrats, Sophie-Marie Stadler am Nachmittag besorgt.

1700 Einsatzkräfte sind an Tag sieben des Katastrophenfalls im Landkreis Miesbach im Einsatz. Mittlerweile haben die Miesbacher Unterstützung aus ganz Bayern bekommen. Im 24-Stunden-Betrieb koordiniert der Krisenstab Helfer von Feuerwehr, Bayerischem Roten Kreuz, vom Technischen Hilfswerk sowie von Bundeswehr und Bereitschaftspolizei. Ihre Einsatzwagen stehen schon am Sonntagmorgen um 9 Uhr vor dem Gebäude neben der Sparkasse, in dem sich der Krisenstab viermal am Tag zur Abstimmung trifft.

Schneehexen fürs Krankenhaus

Weil die Belastung durch den tagelangen Dauereinsatz extrem hoch ist, versucht man nun, erschöpfte Helfer durch frische Leute zu ersetzen oder wenigstens zu ergänzen. Einer von den Neuen ist Christian Brunn. Er ist Zugführer beim Technischen Hilfswerk und steht am Sonntagvormittag vor der Werkshalle der Moralt AG in Hausham, das nur wenige Autominuten von der Kreisstadt entfernt liegt. Die Halle ist gesperrt, das Dach zum Teil mit Eisenstangen abgestützt. Oben sind rund 15 Bundeswehrsoldaten dabei, die Schneemassen abzuschaufeln. Sie sind in ihren weiß-grauen Tarnanzügen auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Unten rangiert ein Soldat mit einem Lastwagen über den Parkplatz, ohne auf die Rufe seines Vorgesetzten zu achten. Dazwischen laufen Rote-Kreuz-Helfer aus Hausham, die für die Verpflegung zuständig sind. Brunn hat die Halle gerade mit einem sogenannten Baufachberater inspiziert und teilt nun seine Leute ein.

Infografik über Neuschnee
Foto:BZ/Galanty: Quelle: dpa/afp, dwd

Er ist am Vortag mehr als 350 Kilometer aus Lohr am Main nach Miesbach gefahren, zusammen mit zehn anderen THW-Freiweilligen. Statt sich am Wochenende auszuspannen, übernachtet der 37-jährige Ehrenamtliche nun in einer Turnhalle in Oberbayern und hilft beim Schippen. Kein Problem für ihn. „Man ist ja selbst auch froh, wenn einem geholfen wird“, sagt er. „Gestern haben wir erst mal Schneehexen ins Krankenhaus geliefert.“ Was sind denn Schneehexen? „Das wusste ich bis gestern auch nicht“, lacht Brunn, „wir haben ja bei uns nicht so viel mit Schnee zu tun.“ Schneehexen sind besonders breite Schneeschieber, gut geeignet, um große Mengen zu räumen.

Auch der Baufachberater, der die Halle in Augenschein genommen hat, ist nicht von hier. Er heißt Robert Haberkern und ist mit seinem THW-Trupp am Donnerstag aus dem fränkischen Roth gekommen. „Bei uns sind 30 Zentimeter Neuschnee schon eine Sensation“, sagt der 43-Jährige lachend. Die Laune vermiesen lassen sich die Hilfskräfte auch im Katastrophenfall nicht so schnell.

„Sicherheit geht vor“

Gelassene Stimmung, aber Betriebsamkeit herrscht auch bei der Firma Telair in Miesbach. Dort zieht die Feuerwehr gerade die Schneeschieber mit einer Seilwinde auf das Dach. Geschäftsführer Marko Enderlein steht vor der großen Halle, in der Flugzeugteile hergestellt werden, und sieht zu. Am Freitag musste auch er seine Arbeiter nach Hause schicken, weil es zu gefährlich war. Eigentlich seien ja nur die 80 Leute in der Produktion betroffen gewesen, sagt er, aber man habe dann doch alle 320 Beschäftigten nach Hause geschickt. „Sicherheit geht vor“, sagt Enderlein.

Für ihn gab es allerdings kein freies Wochenende. „Gestern wurde hier den ganzen Tag gearbeitet, da war ich natürlich vor Ort“, sagt er. Auch für den Sonntag war geplant, dass ganztägig auf dem Dach geräumt wird. Seine Leute unterstützten die Einsatzkräfte, denen er sehr dankbar sei. „Das ist wirklich ein super Einsatz von allen hier.“ Er hoffte, dass man die Produktion am Montag vielleicht wieder öffnen kann. Doch sicher sei das nicht.

Der Platz wird knapp

Je länger sich der Tag mit dem kalten Regen hinzieht, desto klarer wird, dass Miesbach noch längst nicht wieder zum Normalzustand zurückkehren kann. Von den rund 11 000 Einwohnern sind nur wenige am Sonntag unterwegs. Das Wetter lädt nicht gerade zum Rausgehen ein, und die Einsatzleitung hat darum gebeten, dass möglichst wenige Privatautos unterwegs sind, um den Einsatzfahrzeugen die Wege und vor allem die wenigen freigeschaufelten Parkplätze freizulassen.

Immer wieder sind Feuerwehrautos und Sanitätswagen mit Blaulicht unterwegs. Das Martinshorn ist meist ausgeschaltet, was den Eindruck einer angespannten Stille über der Stadt noch verstärkt. Und auch die Schneemassen schlucken den Schall. Neben Einsatzwagen sind Lastwagen oder Traktoren mit Anhängern auf der Straße zu sehen. Sie transportieren die Schneemengen dorthin, wo noch Platz ist. Der wird in der Stadt nämlich immer knapper. Auch in Waakirchen/Point ist das ein Problem. Dort hat die Gemeinde am Bahngelände ein Grundstück zum Schneelager erklärt. Das wiederum macht nur Sinn, wenn man genügend Lastwagen oder Traktoren hat, um ihn auch dorthin schaffen – auch daran mangelt es aber.

Deutsche Alpen sind Katastrophengebiet

Gehwege gibt es in den Gemeinden schon seit Tagen nicht mehr. Denn dort türmt sich der Schnee zu hohen Mauern auf. In der Stadtmitte hat sich die Zahl der Parkplätze mindestens halbiert. An vielen Häuserwänden lehnen Balken mit Zetteln, auf denen „Achtung Dachlawinen“ steht. Entziffern kann man die Buchstaben allerdings erst, wenn man direkt unter der potenziellen Lawine steht.

Im Ort sagen die Leute aber, dass es noch keine Verletzten gegeben hat. Das bestätigt Wolfgang Rzehak in seinem Tun. Er hatte am vergangenen Montag als erster Landrat den Katastrophenfall festgestellt. Das habe ihm auch Kritik eingetragen, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Mittlerweile haben aber vier weitere Landkreise nachgezogen. Die deutschen Alpen sind Katastrophengebiet.

Katastrophenfall bleibt bestehen

Auch im Berchtesgadener Land, Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen und Traunstein gibt es mittlerweile Krisenstäbe. In Bad Tölz war am Sonnabend Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu Gast. Er ließ sich mit Helfern fotografieren, vom örtlichen Einsatzstab die Lage erklären und versicherte, dass er zwar besorgt, aber nicht in Panik sei, weil dort alle „mit voller Pulle“ im Einsatz seien. Rzehak macht sich darüber ein bisschen lustig. Söder habe ja im Bayerischen Rundfunk erklärt, dass er mit den Landräten telefoniert habe. „Mit mir hat er aber nicht gesprochen“, sagt der Grüne. Auch Ursula von der Leyen reiste am Sonntag in das Krisengebiet. Die CDU-Verteidigungsministerin besuchte Bundeswehrsoldaten, die im Berchtesgadener Land eingesetzt sind.

Helikopter, der über schneebedeckte Wälder fliegt.
Wo die Wege unpassierbar sind, helfen nur noch Helikopter. Dieser Hubschrauber des österreichischen Bundesheers brach am Sonntag zu einer Lawinensprengung auf. 

Mit größerer Spannung verfolgen die Krisenstäbe allerdings die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes. Sie waren auch am Sonntag niederschmetternd. So gilt auch weiterhin die höchste Unwetter-Warnstufe 4 für die fünf Landkreise im Katastrophenfall sowie für Lindau, Ostallgäu, Oberallgäu, Weilheim-Schongau und Rosenheim. Die Meteorologen rechnen mit „extremen Gesamtschneemengen“. Der Katastrophenfall wird in Miesbach auch in der kommenden Woche bestehenbleiben.

Das bedeutet auch, dass weiterhin die Schule ausfällt. Die Schülerinnen und Schüler im Landkreis Miesbach haben damit in diesem Jahr noch kein Klassenzimmer von innen gesehen, was die meisten von ihnen nicht bedauern dürften. Auch der Personennahverkehr bleibt ein Problem. Die Bayerische Oberlandbahn fährt seit Tagen nicht mehr. Wer südlich von Holzkirchen wohnt, kommt per Bahn nicht mehr nach München. Weil sie ihre Arbeitsplätze nicht mehr erreichen können, haben einige in der Region bereits ungeplanten Urlaub genommen.

Wintersportler müssen zu Hause bleiben

Und so wird das Winterwetter allmählich auch zu einer ernsten wirtschaftlichen Belastung für Bayern. Mit jeder unpassierbaren Straße und Eisenbahnstrecke bleiben nicht nur Pendler und Transporte stehen – auch Urlauber stecken fest oder kommen gar nicht erst an ihr Ziel. Und erreichen sie es doch, dann können sie dort wenig tun. Überall in den Wintersportgebieten sind Pisten und Loipen gesperrt. In den vergangenen Jahren stöhnten die Unternehmer in den Tourismusbetrieben oft, weil es an Schnee mangelte. In diesem Jahr haben sie zu viel davon. Es droht Lawinengefahr, Bäume knicken um. „Es ist zum Haare raufen“, sagte ein Bürgermeister am Sonntag. „Wir haben viel Schnee und müssen gleichzeitig sagen: Liebe Leute, bitte geht nicht in den Wald. Wir können euch nicht mehr retten, weil wir nicht einmal mit der Bergwacht hinkommen. Es liegt Baum an Baum.“

Auch Yvette Katzer-Gruber kommt kaum noch aus dem Haus. Sie gibt Yogakurse in Holzkirchen und Bad Tölz, die sie in der vergangenen Woche absagen musste, weil der Schneepflug nicht kam. „So langsam macht der Winter auch uns keinen Spaß mehr“, sagt sie. Und dabei hat er gerade erst begonnen.