Vom Super-Bowl-Anwärter zur Lachnummer: Der Absturz der Jacksonville Jaguars

Jacksonville/München – So etwas muss eine Mannschaft erst einmal hinbekommen: Die Jacksonville Jaguars sind zwei Spielzeiten in Folge das absolute Überraschungsteam der NFL – 2017 im positiven Sinne, nun im negativen.

Nachdem sie vergangene Saison bis in das AFC Championship Game vordrangen, dort nach drei Vierteln gegen die New England Patriots sogar in Führung lagen, gleicht die laufende Spielzeit einer Katastrophe.

Nach der 9:30 Niederlage im Thursday Night Game gegen die Tennessee Titans sind die Playoffs auch rechnerisch nicht mehr möglich. Daran geglaubt hatte ohnehin keiner mehr.

Acht der letzten neun Spiele verloren sie. Die katastrophale Zwischenbilanz: vier Siege, acht Niederlagen. “Ich bin sehr enttäuscht”, sagt Head Coach Doug Marrone nach dem Spiel gegen die Titans.

Campbell: Wir haben nicht aufgegeben

Defensive End Calais Campbell widerspricht der These, dass die Jaguars mit der Saison ohnehin abgeschlossen hatten: “Wir haben nicht aufgegeben. Ich muss mir das Band noch einmal anschauen, aber ich habe niemanden gesehen, der meiner Meinung nach aufgehört hat zu kämpfen.”

Möglicherweise wird er seine Meinung nach der Analyse noch einmal überdenken. Alleine der 99-Yard-Touchdown-Lauf von Derrick Henry spricht Bände: Gleich drei Defense-Spieler haben die Möglichkeit, den Running Back der Titans zu tackeln oder zumindest über die Seitenlinie zu schubsen. Doch sie agieren so halbherzig, dass Henry sich mit seinem Stiff Arm problemlos durchsetzt. Und das zu einem Zeitpunkt, als das Spiel noch völlig offen ist.

Schwachstelle Offense

Dabei ist die Defense nicht das eigentliche Problem. Sie mag nicht mehr so dominant sein wie in der Vorsaison, als sie die beste Passverteidigung stellte, die zweitwenigsten Yards (281,1) zuließ und den gegnerischen Quarterback so oft zu Boden brachte, dass der Twitter-Account in Sacksonville umbenannt wurde.

Doch eine Verteidigung, die pro Spiel lediglich 324,1 Yards zulässt und somit den fünftbesten Wert der Liga vorweist, ist noch immer eine Macht. Das Problem der Jaguars liegt in der Offense.

Von den erzielten Yards her steht die Franchise aus Florida lediglich auf Platz 26 in der NFL. Der eine oder andere Skeptiker hatte dies vorausgesehen, als die Jaguars ihrem Quarterback Blake Bortles einen Mega-Vertrag über 54 Millionen Dollar für drei Jahre vorlegten.

Waren sich doch fast alle Experten einig, dass die Jaguars nicht wegen, sondern eher trotz Bortles das AFC Championship Game erreicht haben. Letzte Saison hatte der 26-Jährige ein Rating von 84,7. Ein Wert, bei dem andere General Manager eher über eine Vertragsauflösung als über eine Vertragsverlängerung nachdenkt.

Der Grund für die erfolgreiche Vorsaison war das Laufspiel – oder genauer gesagt: Es war der Running Back Leonard Fournette. Der Erstrundenpick von 2017 schlug sofort ein, sodass die Jaguars die meisten Rushing-Yards aller Teams hatten.

Diese Saison plagen den 23-Jährigen allerdings Verletzungen und so verpasst er sechs Saisonspiele. Andere Akteure wie T.J. Yeldon oder der nachverpflichtete Carlos Hyde können die Lücke nicht schließen. Die Folge: durchschnittlich nur 107,3 Rushing-Yards pro Spiel, Platz 19 in der NFL.

Die Personalentscheidungen verpufften

Nun ist es nicht so, dass Head Coach Marrone nicht versucht, die Saison mit Personalentscheidungen irgendwie noch zu retten. Erst im November feuert er zum Beispiel Offensive Coordinator Nathaniel Hackett, setzt zudem Quarterback Blake Bortles auf die Bank und vertraut stattdessen Backup Cody Kessler. “Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas ändern musste, damit wir die Chance haben, noch einige Spiele zu gewinnen”, sagt der Trainer.

Der große Turnaround im Angriff blieb aus. Der Sieg gegen die Indianapolis Colts am vergangenen Wochenende ist lediglich der Defense zu verdanken, die keine Punkte zulässt. Endstand: 6:0.

Eine missratene Saison fordert meist Konsequenzen. Head Coach Marrone hatte seinen Vertrag im Februar zwar erst bis zur Saison 2021 verlängert. Doch der Trainer weiß um die Schnelllebigkeit in der NFL. “Wenn die Leute, für die sie arbeiten, ihre Arbeit als nicht gut genug bewerten, werden sie weggeschickt”, sagt er. “Sie können sich nicht über Verletzungen beschweren oder anderen die Schuld geben. Ich habe hier die Verantwortung.”

Marrone bangt um seinen Job

Gleichwohl hofft Marrone, dass der Besitzer Shahid Khan weiterhin auf ihn setzt: “Ich liebe diesen Ort, ich liebe Jacksonville. Das ist mein zu Hause. Und ich habe vor, noch eine ganze Weile hier in der Stadt zu bleiben.”

Vielleicht helfen ein paar Siege im Saisonfinish dabei, dass der Trainer noch eine Chance bekommt. Campbell verspricht jedenfalls, die restlichen Spiele nicht herzuschenken. “Wir werden weiter kämpfen”, sagt er. “Hoffentlich spielen wir dann nächstes Mal besser.”

Das Problem ist nur: An diese Hoffnung klammert sich Jacksonville schon eine ganze Weile.

Oliver Jensen

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