Willi Resetarits – Wie die Regierung "Rufmord an Flüchtlingen betreibt"

Er ist Musikant und Menschenrechtler, Ostbahn-Bluesrocker und Wiener Szenegröße. Willi Resetarits im Interview.

Am 21. Dezember wird Willi Resetarits 70 Jahre alt – und feiert seinen Geburtstag ausgiebig mit Doppelkonzert und Biografie. Im APA-Interview spricht der baldige Jubilar über Ostbahn als “Behauptung” und über seinen Zorn, wie die Regierung “Rufmord an Flüchtlingen” betreibt.

APA: Üblicherweise haben Sie sich zum Geburtstag eher zurückgezogen… heuer wird gründlich gefeiert.

Resetarits:
Ja, ich bin kein großer Feierer und aus einem Grund, den ich nicht weiß, hab ich mir diesmal gedacht: ich sollte zum runden Geburtstag – weil’s mir grad’ so danach war – auch langsam anfangen, zurückzublicken. Bis jetzt hab’ ich nur nach vorne geblickt: das Beste kommt noch und ich bin so gespannt und ich hab keine Zeit für das, was hinter mir liegt. Jetzt blicke ich erstmals zurück.

In den Geburtstagskonzerten am 4. und 5. Jänner treten alle Bands auf, mit denen Sie je gespielt haben.

Zwölf Bands werden spielen. Es beginnt mit ‘The Odds’, der Mittelschülerband. ‘The Odds’ haben nachweislich 53 Jahre nicht gespielt, aber sie haben wieder zu üben begonnen. Und wir haben uns auch in der Zeit nicht gesehen. Ich hab’ also Mittelschüler getroffen, man hat sich grade so erkannt. Und dann – magisch – sind 50 Jahre von den Gesichtern abgefallen und plötzlich hamma zum Seidl’n trinken ang’fangen und genauso bled g’red’t wie damals.

All diese Musiker aus den 12 Bands – was haben die gemeinsam?

Die haben gemeinsam, dass sie Musikanten im besten Sinn sind. Da sind viele besonders Hochbegabte dabei. Und – das hat schon mein Freund, der Kurti, g’sagt: es braucht schon Hochbegabung, aber das hilft alles nichts, wenn nicht die zweiten 50 Prozent aus Herzensbildung bestehen. Alle haben also auch gemeinsam, dass ma’s druck’n möcht. I drucks eh. Ich hab’ die alle so gern.

© APA/HANS KLAUS TECHT

Auch im Publikum gibt es viele, die Sie schon eine Weile begleiten…

Manchmal taucht die Frage auf, ob ich mir für jede neue Band ein eigenes Publikum erobert habe. Die Antwort ist: nur zu einem kleinen Teil, der harte Kern begleitet mich tatsächlich durchs Leben. Und wenn die einen zu alt werden schicken’s die Kinder. Ich hab’ ja so ein Glück mit meinem Publikum. Es ist nicht nur so, dass man sich nicht genieren muss, sondern so, dass man stolz sein kann auf die Leute, die einem folgen.

Es erscheint auch eine Biografie, die Christian Seiler mit Ihnen geschrieben hat. Auf was kommt man da drauf beim Erzählen?

Man kommt drauf, dass viel mehr passiert ist als ich mir je hätte vorstellen können. Da waren viele gute Sachen dabei. Ein bisserl ist es so, dass ich Bericht geben mag – mit relativ wenig Fazit. Weil ich mir denk’, ein bissl was können sich die Leute auch z’amreimen. Ich schreib’ was passiert ist. Soweit ich mich erinnern kann. Zum Schreiben auf Teneriffa hab’ ich meine Kalender von den letzten 30 Jahren vergessen. Und dann hamma g’sagt: Is eh wurscht. Es ist also nicht alles in dem Buch, sondern nur das, was mir eingefallen ist.

Erfährt man da viel Privates über Willi Resetarits?

Aus der Kindheit ja, weil die spannend ist, auch von der Zeit her, wie rasant sich die Gesellschaft damals entwickelt hat, und auch wie ich Sprache gewechselt hab als Kind. Das Privatleben des Erwachsenen wollte ich nicht ausbreiten vor dem staunenden Publikum – weil das ist ja peinlich bitte.

» In Konzerten erzähl ich irgendwas von mir«

Aber deswegen kaufen doch die Leute so ein Buch.

Ich verzichte ja darauf, dass alle Leute das Buch kaufen. Ich hab’ kein anderes, geheimes Leben geführt, als die Zuhörerinnen und Zuhörer geglaubt haben. Weil ich das gar nicht kann. Die Art von Ehrlichkeit auf der Bühne, für die ich oft gelobt wurde, die finde ich gar nicht so toll – das ist das einzige, was ich kann. Ich kann mich nicht irgendwo hinstylen oder eine Kunstsprache entwickeln. In Konzerten erzähl ich irgendwas von mir. Dass mich grade was zwickt oder was mir Erstaunliches in der Früh beim Duschen passiert ist. Dass ich mit dem Zeh in der Dusche stecken geblieben bin oder so. Meine Vorbilder machen das auch so.

Welche Vorbilder?

Dave Matthews zum Beispiel, der macht das in einer etwas mehr gestylten Art. Oder der verstorbene Willy DeVille, der gesagt hat: Lieber einen Freund verlieren, als eine gute Pointe nicht anbringen. Springsteen, wenn es ein kleiner Rahmen war. Der war dann die Megakonzerte gewohnt, wo du gefühlt nicht so ins Private reinkommst. Aber wenn er wo kleiner spielt, dann erzählt er lang. Da muss der Rahmen stimmen. Weil wenn man einfach so dahinerzählt, eine Viertelstunde, dann kommt erstmal ein bissl ein Bledsinn außa, bis die Quelle klarer fließt.

Apropos Authentizität: Der Ostbahn, das ist doch eigentlich wer anderer.

“Ostbahn ist wer anderer. Aber in meiner Wahrnehmung ist das hauptsächlich die Behauptung. Ich weiß ja, ich bring immer nur mich selber mit. Das bin immer ich. Aber die Behauptung hat eine gewisse Macht. Ich nehm’ die Sonnenbrille vor die Augen und spreche: Grüß euch, ich bin der Kurtl. Und das war’s.

»Wir müssen ein autoritäres Regime verhindern«

Aus der Pension kehrt der Kurtl ja mittlerweile regelmäßig zurück…

Die Pension wurde 2003 angetreten, nachdem alles, was der 2000 verstorbene Günter Brödl geschrieben hat, veröffentlicht war. Pension hieß: es wird kein neues Ostbahn-Lied mehr geben, weil es keine neuen Brödl-Texte gibt. Dass dann der Pensionist mitunter mehr zu tun hat als vorher, kennt man ja. Das ist ja der allseits gültige Pensionistengruß: ‘Servas, griaß’ di, habe d’Ehre, I hob jetzt ka Zeit, weil I bin in Pension.’

Im Fall von Ostbahn wurden Petitionen der Fans aufgelegt…

…der Herr Kurt möge von seinem Sitz am Schafberg in die Niederungen des Praters zurückkehren und er hat sich eine Weile bitten lassen. Aber ab jetzt machen wir es jährlich, bis der Kurti dann vielleicht zu marod ist. Es zeigt sich aber, dass eine Marodheit im Alltag nicht heißt, dass man auf den Brettern marod ist. Wir wissen von vielen Vorbildern, dass die lange auf die Bühne getragen wurden und rausgetanzt sind und danach wieder zurück ins Sauerstoffzelt. Es ist ein wichtiger Teil des Lebens – das Leben auf der Bühne. Das kann man sich nicht aussuchen, das muss leider so bleiben. Wenn man mit Musik infiziert ist.

Infiziert waren Sie stets nicht nur mit Musik, sondern auch mit dem Engagement für Menschenrechte. 1994 haben Sie das Integrationshaus gegründet…

Es war einer meiner Lebenswünsche, dass es so etwas gibt und dass es funktioniert. Ein Best Practice Beispiel, wie man in Europa integriert. Und es hat funktioniert. Niemand kann sagen, man weiß nicht, wie man Leute unter würdigen Bedingungen und möglichst schnell in eine eigene Wohnung mit einem Job bringt.

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Willi Resetarits im Gespräch

Das sagen aber viele, dass man das nicht weiß.

Wir wissen es. Du brauchst ein paar Sachen dafür, vor allem Kontakte zu Gewerbetreibenden, die zu schätzen wissen, was Leute leisten können, die zum zweiten Mal ein Leben aufbauen wollen. Es ist nur so, dass Integration jetzt nicht mehr gewünscht wird. Es hat immer schon das Phänomen gegeben der ‘Doppelmühle’. Dass man keine Deutschkurs anbietet um dann zu sagen: die wollen ja nicht Deutsch lernen. Das passiert jetzt auf der ganzen Linie. Man steckt junge Leute in Quartiere, betreut sie nicht, lässt sie allein, in der Hoffnung, dass sie straffällig werden. Damit man in der nächsten Wahl wieder viele Stimmen bekommt. Das ist sehr, sehr zynisch und das macht mich sehr zornig. Jetzt nicht, damit ich die Kamera nicht beschädige.

»Rufmord an den Flüchtlingen war das Hauptmovens im Wahlkampf«

Sie glauben, das ist strategisch gedacht?

Rufmord an den Flüchtlingen war das Hauptmovens im Wahlkampf. Kein Satz, wo das Wort Flüchtling vorgekommen ist ohne ein schmückendes Beiwort wie ‘straffällig’ oder ‘illegal’. Die freiheitliche Linie ist jetzt: Wir wollen nicht, dass sich jemand integriert, die müssen außer Landes geschafft werden. Und wenn jemand schon integriert ist, hat er eben Pech gehabt und wird trotzdem außer Landes geschafft. Es geht ums Kaputtmachen.

Aus Opportunismus zur Stimmenmaximierung oder als Ideologie?

Ich glaube, man will Stimmen maximieren, damit man an die Macht kommt und dass man dann anstrebt, ein autoritäres Regime zu installieren. Das ist es, was wir verhindern müssen. Das schafft man nicht, wenn man daheim am Hintern sitzt und nichts tut außer Sudern. Es heißt jetzt Hintern bewegen, für alle, die nicht wollen, dass man scheibchenweise die Demokratie und die Menschlichkeit abbaut. Immer nur so dünn, dass man noch nicht sagen kann, jetzt ist es so weit. Aber jetzt ist es so weit. Jetzt muss man sich engagieren.

Wie viel Zuversicht haben Sie da?

Ich hab’ immer Zuversicht, aber nur weil es nichts nutzt, keine Zuversicht zu haben. Es ist möglich, und das Mögliche muss Wirklichkeit werden. In meinem Umfeld ist das schon zwei, drei Mal passiert. Bei den Protesten gegen Zwentendorf hat es geheißen, der Zug ist abgefahren. Das schreckt mich nicht mehr. Da fangen wir erst an.

Kommentare

Ich würde gerne seine Meinung zum Flüchtlingsthema hören wenn in seiner Familie jemand wegen einem Handy abgestochen wird oder eine Frau aus seiner Familie vergewaltigt würde. Wie viel Platz hat er in seiner Wohnung? Vielleicht könnte er einige “Flüchtlinge” bei sich aufnehmen? Einmal mit gutem Beispiel vorangehen.

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