Wie der Schweizer Skirennfahrer Tumler endlich aufs Podest fand

Plötzlich fragen ihn alle: Wie geht es weiter mit Ihnen? Als wäre Thomas Tumler ein anderer Mensch geworden, am vergangenen Sonntag, als er im Riesenslalom von Beaver Creek mit der Nummer 48 auf Platz 3 gefahren war.

Und nun der nächste Riesenslalom in Val-d’Isère. Fast sieben Jahre nach dem Weltcup-Debüt darf Tumler am Samstag erstmals unter den ersten 30 starten. Den zweiten Lauf von Beaver Creek hat er sich in den letzten Tagen ein paar Mal angeschaut, er habe es «noch immer nicht ganz gecheckt», sagt Tumler am Freitag, «wie hat das passieren können?»

bsn. Knapp eine Woche nach dem Rennen herrscht plötzlich Unklarheit, wer den Weltcup-Riesenslalom in Beaver Creek gewonnen hat. Am Freitagabend stand im Raum, ob dem Deutschen Stefan Luitz der Sieg aberkannt wird. Luitz hatte zwischen den Läufen Sauerstoff durch eine Maske eingeatmet, was einem Verstoss gegen das Reglement des Skiweltverbandes (FIS) entspricht. Die Weltantidopingagentur (Wada) indes erlaubt diese Praxis in einer aktuelleren Liste. Der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier sagte: «Wir akzeptieren, wenn man sagt, wir hätten einen Regelverstoss gemacht. Aber nicht, dass wir gedopt haben.» Für den Riesenslalom in Val-d’Isère vom Samstag ist Luitz startberechtigt, wie der FIS-Renndirektor Markus Waldner am Freitagabend bestätigte. Nach dem Rennen sei kein Protest von Gegnern erfolgt, aber nachdem «Bilder zirkuliert» seien, habe die FIS die Wada informiert. Der Fall werde «von Experten» untersucht, mehr Auskünfte gebe er, Waldner, nicht.

Würde Luitz disqualifiziert, erbte der Österreicher Marcel Hirscher den Sieg, der Schweizer Thomas Tumler stiesse auf Platz 2 vor.

Mit all dem, was war, vielleicht.

Eine Karriere ist die Summe unzähliger Läufe und Momente, von Stunden und Tagen, von dieser Phase im Winter 2016/17 zum Beispiel, als Tumlers Rücken immer mehr schmerzte, «wir versuchten alles», mit Physiotherapie und Spritzen, die Schmerzen nahmen zu, «von Tag zu Tag», doch Tumler dachte sich: «Es muss gehen, es muss klappen», weil die Weltmeisterschaften in St. Moritz bevorstanden, daheim sozusagen, im Engadin, «ich muss dort fahren», dachte sich Tumler. Der Samnauner erzählt ohne Unterbruch, fast fünf Minuten lang: wie es weiterging, nach Kitzbühel etwa, und wie er sich nach der Besichtigung der eisigen Piste dachte: «Das schaffe ich nicht, hier komme ich unmöglich runter.» Und wie es ihm nach einem Training in Hinterreit nicht gelang, die Skischuhe selber zu öffnen, er bat Carlo Janka um Hilfe, Janka öffnete die Schnalle und sagte: «Hey, sei so gut, Skifahren ist nicht alles.» Schliesslich: Saisonabbruch, Physiotherapie in Zürich, Nebel, Enttäuschung und der Entscheid, weit weg zu verreisen; das Telefonat mit einer Sprachschule, «was haben Sie?», «Australien, Hawaii», «Ja, Hawaii! Am liebsten heute», und drei Tage später reiste er nach Hawaii, für einen Monat.

In diese Zeit fielen Rücktrittsgedanken, Fragen, was er mit seinem Rücken macht, ob die Schmerzen verschwinden oder ewig bleiben. Und Tumler sagte sich, wenn noch einmal etwas sei, «auch nur eine Kleinigkeit, dann ist fertig».

Früher war Tumler mal so etwas wie ein Projektfahrer, ab 2012 gehörte er zur sogenannten Future-Gruppe im Riesenslalom, nachdem diese Disziplin quasi offiziell als Schweizer Sorgenkind anerkannt worden war. Drei Bündner gehörten dieser Gruppe an, so Gino Caviezel, der Anfang 2013 im Gespräch mit der NZZ sagte: «Klar habe ich Olympiagold und Gesamtweltcup im Hinterkopf. Einfach einmal Weltcup-Punkte zu machen, ist nicht mein Ziel.» Zudem Manuel Pleisch, der sagte, viele gäben auf, «es braucht viel Freude am Skisport, um durchzuhalten, wenn es einmal nicht so gut läuft». Und Tumler, ein eher stilles Wasser, zumindest gegen aussen, ein hochgelobter Skifahrer, schon als Teenager, damals noch klein und leicht, aber wer ein gutes Auge hatte, sah sein Talent.

Dieses Talent blitzte stets wieder auf, auch als Tumler 20 war und 25 und älter, «aber ich wollte nicht nur ein Trainingsweltmeister sein, dann hiess es wieder, wow, der Tumler ist schnell, der Tumler ist gut, und alle reden vom Tumler, und dann sind die ersten Rennen – und dann ist es immer wieder dasselbe mit Tumler. Das nervte mich», so schildert es Tumler, 29 Jahre alt. Jörg Roten, der damalige Trainer der Future-Gruppe, sagte 2013 über Tumler: «Er ist blitzschnell, aber sehr sensibel. Fast wie früher Didier Cuche: Fährst hundert Läufe super und einen Lauf schlecht – und sogleich hinterfragst du alles, zweifelst, stellst um.»

Im ersten Future-Winter 2012/13 holte Tumler keine Weltcup-Punkte, aber sowieso, es war der grösste Schweizer Ski-Krisenwinter seit Jahren.

In die darauffolgende Saison 2013/14 startete er gut.

In Sölden lag er nach dem ersten Lauf auf Rang 15, am Ende auf Rang 27.

Beaver Creek: Rang 13 nach dem ersten Lauf, am Ende Rang 29.

Alta Badia: Rang 20 nach dem ersten Lauf, am Ende Rang 27.

Wer staunt, dass ein solcher Fahrer hinterfragt, zweifelt, umstellt. «Da war ich noch jung», sagt Tumler, und ein junger Fahrer habe im zweiten Lauf «die Punkte im Hinterkopf», ein Sicherheitsdenken quasi, «auf keinen Fall ausscheiden, auf jeden Fall ins Ziel kommen. Aus diesem Alter bin ich raus – in Beaver Creek griff ich voll an, ich wusste: Ein 20. Platz bringt mir nichts.»

2017, 2013 – es sind Schicksalsjahre einer Karriere.

Vor fünf Jahren starb Tumlers Mutter, in einer bewegenden Filmsequenz sagte er kürzlich: «Die schwerste Zeit war für mich sicher 2013, als ich Mama verlor. Da fragt man sich oft, wieso tut man das, wieso geht man wieder so lange von daheim weg. Eigentlich hätte man Besseres zu tun. Aber ich sagte dann: Es bringt auch nichts – daheim rumkriechen.» Und heute, in Val-d’Isère, sagt Tumler, es sei «immer präsent» gewesen, «tief drinnen hat es mich gehemmt und mir nicht zu Topleistungen geholfen, aber ich dachte mir: Mama fährt mit. Es war schwierig, extrem schwierig. Und doch hatte ich immer das Gefühl, dass es doch weitergehen müsse. Und so war es zum Glück auch.»

So hat es passieren können.

Und die anderen Future-Fahrer? Caviezel klassierte sich im Weltcup noch nie weiter vorne als im siebenten Rang, Pleisch trat nach der vergangenen Saison zurück. Ja, er hatte die Freude verloren, die es braucht, «um durchzuhalten», wie er 2013 sagte. Heute sagt Pleisch, bestimmt habe es an der Motivation genagt, dass er sich nicht mehr so unterstützt gefühlt habe von den Trainern, aber er habe auch neue Perspektiven gesehen, er lässt sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Pleisch sagt, es sei «der absolut richtige Zeitpunkt» gewesen für den Rücktritt, «und so, wie es jetzt ist, habe ich genau so viel Freude am Leben wie vorher mit Skifahren». Pleisch redet und erzählt lange, bis er einmal sagt: «Aber Sie schreiben über Tumler, hoffentlich, nicht über mich, oder?»

Als wolle er Tumler keinen Platz wegnehmen, ihm, der durchgehalten hat in diesem Tunnel des Spitzensports. Der vergangene Sonntag war die Bestätigung dessen, was viele sagen: wie gut auch Skirennfahrer sind, die nicht im gleissenden Licht stehen und nicht unter den ersten 7, 15, 30 starten – und die geduldig auf solche Tage warten, an denen sie den zweiten Lauf erreichen und im zweiten Lauf nicht nur eine ideale Piste vorfinden, sondern auch Glück haben und die beste Form und jede Kurve treffen. In Beaver Creek fuhr Tumler Laufbestzeit, 48 Hundertstel schneller als der Zweitbeste, 1 Sekunde 58 schneller als Marcel Hirscher, der König der Szene.

Pleischs Weltcup-Bestresultat war ein 16. Platz, 2014 in Sölden, dank Bestzeit im zweiten Lauf. Es sei «schon cool» gewesen, «ein Wahnsinnsgefühl, jeden schlagen zu können, der einen Weltcup-Hang runterfährt». Tumlers bestes Weltcup-Resultat war bis am vergangenen Sonntag ein achter Super-G-Rang gewesen. Im Riesenslalom war er zuvor nie über den 26. Rang hinausgekommen, aber jetzt: Wahnsinnsgefühl, jeden geschlagen. Früher habe er «strategische Fehler» begangen, sagt Tumler, «zu lange mit hohen Nummern rumgemurkst». Bevor er 2017 nach Hawaii verreiste, war er in Riesenslaloms als 54. und 55. gestartet. Im Sommer darauf änderte er vieles, das Konditionstraining, die Strategie; er absolvierte vermehrt Europacup-Rennen, um im Weltcup künftig mit besseren Nummern starten zu dürfen. Im Sommer 2018 wechselte er die Skimarke, «das gab mir Sicherheit», und er glaube, er sei «etwas egoistischer» geworden, er stellte sich das Sommertraining verstärkt so zusammen, wie er es für gut befand.

So hat es passieren können.

Und jetzt – wie geht es weiter? Tumler sagt: «Schwierige Frage.»