Wie die Schweiz Afrikas besten Junior im Elend versinken liess

Football Leaks enthüllt, wie Clubbesitzer und Agenten minderjährige Fussballtalente ausbeuten. Der Fall von Boubacar Traoré zeigt, dass da auch die Schweiz mitspielt

Wir stehen im Halbfinal der U-17-Fussball-Weltmeisterschaft des Jahres 2015 in La Serena, Chile. Belgien spielt gegen die Überraschungsmannschaft: Mali, der Wüstenstaat in Afrika. Wie erwartet gehen die Belgier in Führung, aber in der 26. Minuten schiesst ein 17-jähriger Malier den Ausgleich und legt den Grundstein für den späteren 3:1-Überraschungssieg der Afrikaner: Boubacar Traoré. Der Junge ist ein Supertalent. Ballstark, flink und mit einem unglaublichem Zug zum Tor.

Die U-17-WM ist ein Mekka für zahllose Talentjäger, die auf fette Gewinne hoffen, mit dem Transfer von talentierten Kindern und Jugendlichen aus Afrika. Kleine Jungen mit viel Hoffnung, die nichts zu verlieren haben. Als sie Traoré am Ball sehen, ist ihr Interesse geweckt. Wie bei so vielen jungen Fussballtalenten aus Afrika ist das aber auch für Boubacar Traoré der Anfang eines jahrelangen Leidenswegs.

Bei einem Treffen in Chiasso kann er nur noch schluchzen

Dieser Weg endet drei Jahre später und 12’000 Kilometer weit entfernt. Am 15. April 2018 in der Schweiz. Die SonntagsZeitung trifft Boubacar Traoré an der Pforte des Stadions Riva IV in Chiasso, wo er eigentlich spielen sollte. Aber er darf nicht spielen. Der Malier kriegt kaum ein Wort heraus. Eigentlich will er erzählen, was ihm in den letzten drei Jahren passiert ist. Er hält den Kopf in beiden Händen. Er kann nur schluchzen.

Wie ist es möglich, dass der Junioren-Torschützenkönig Afrikas in nur drei Jahren als Häufchen Elend endet? Als Ausgestossener, der tränenüberströmt in den Baracken eines abstiegsgefährdeten Schweizer Zweitligisten sitzt?

Die Suche nach Antworten auf diese Frage führte in die Türkei, nach Chiasso, zu zahlreichen Gesprächspartnern, die den Weg Traorés gekreuzt haben. Und sie führt in die Daten von Football Leaks, dem gigantischen Datenleck aus dem Innersten des Fussballbetriebs, über welches das Recherchedesk von Tamedia seit einer Woche berichtet, gemeinsam mit dem «Spiegel» und dem Journalistenkollektiv EIC. Die Dokumente und Mails aus dem Leck zeigen, wie Clubbesitzer und Talentjäger in Afrika nach Kindern und Jugendlichen suchen, die sie vermarkten können – für den eigenen Profit. Wie sie die Jugendlichen oft auf traumatische Odysseen rund um die Welt schickten. Der Fall Traoré ist ein Musterbeispiel.

Monatliches Gehalt: 400 Euro

Seine Mutter stirbt, als er drei Jahre alt ist. Der Vater lässt ihn im Stich. Aufgewachsen ist Boubacar beim Cousin seines Vaters. Dessen Frau verstösst ihn Zeit seines Lebens. «Wenn ihr Mann zu Hause war, gab sie mir Essen, und ich konnte in einer Ecke schlafen», erzählt Traoré. «Wenn er weg war, musste ich auf der Strasse leben.» Und dort, auf der Strasse, macht er von Kindesbeinen an den ganzen Tag nur eines: Fussball spielen.

Er wird zum Könner. Mit 16 landet er im Club Jeanne d’Arc in der malischen Hauptstadt Bamako. Bei einem Freundschaftsspiel mit der Junioren-Nati von Mali fällt er auf. Er gelangt ins U-17-Team des Landes. Bei der U-17-Afrikameisterschaft im Februar 2015 gewinnt Mali sensationell. Boubacar Traoré ist Torschützenkönig des Turniers. Er wird zum Star. Ganz Mali kennt ihn. Wie damals Granit Xhaka, als er 2009 mit der Schweizer U-17-Nati Weltmeister wurde.

Die Talentjäger beginnen, den 16-Jährigen zu umkreisen. Drei Tage nach dem Final schickt ein Agent eine Mail an den Direktor der Lissabonner Sportakademie. Das Schreiben taucht in den Football-Leaks-Daten auf. Der Agent nennt Boubacar Traoré «einen der besten Spieler» Afrikas. Die Sport-Beratungsagentur Spocs kommt auf ihn zu. Auch zwielichtige Figuren klopfen an. Deren Mails befinden sich ebenfalls in der Datensammlung von Football Leaks.

Als Erstes schickt man Boubacar Traoré 1200 Kilometer nach Accra, der Hauptstadt Ghanas, zum FC Dreams. Dort lässt man ihn vier Tage warten. Dann hält man ihm einen Vierjahresvertrag unter die Nase. Monatliches Gehalt für ihn 400 Euro. Plus 10’000 Euro für die Familie.

Traoré will jetzt unbedingt Geld verdienen mit seinem Talent. Nicht nur, weil es sein grosser Traum ist. Er will auch seine ältere Schwester und den jüngeren Bruder unterstützen. Sie sind die Einzigen der Familie, die ihm geblieben sind. Insbesondere seinem Bruder soll es besser gehen als ihm selber. Aber jemand muss das Schulgeld für ihn auftreiben.

Monaco und Dortmund wollen den Junioren-Torschützenkönig

Aber in Ghana erlebt Boubacar Traoré zum ersten Mal, dass er sich in den Händen eines anderen befindet: Salaha Baby, ehemaliger Vizepräsident der Malischen Fussballföderation und Präsident des Clubs Jeanne d’Arc. Er hält alle Rechte am Spieler. Als der 16-Jährige also Baby in Mali anruft, lehnt dieser das Angebot aus Ghana sofort ab. Er befiehlt dem Jungen, nichts zu unterschreiben.

Als Nächstes bietet man Traoré ein Testspiel bei Eintracht Frankfurt an. Wieder lehnt Präsident Baby ab. Boubacar Traoré, inzwischen 17, reist jetzt nach Chile an die U-17-WM. Erneut kommt es zur Sensation. Der afrikanische Torschützenkönig schiesst Mali bis in den Final. Erst dort unterliegt das Team der Fussballgrossmacht Nigeria.

Traoré ist jetzt eine heisse Ware unter den Talentjägern. Ein «Goldnugget», wie es in deren Jargon heisst. Man schickt den Jungen für Testspiele zu Rapid Wien nach Österreich, zu Standard Lüttich nach Belgien und sogar zur AS Monaco. Er erhält jetzt konkrete Angebote von Ajax Cape Town in Südafrika – und sogar von Borussia Dortmund.

Der Club-Präsident spielt Poker mit seiner Zukunft – und verliert

Boubacar Traoré ist begeistert. Er will unbedingt weg von Jeanne d’Arc in Mali. Er weiss: Wenn du es schaffen willst, musst du bei einem grossen Club landen, bevor du 18 Jahre alt bist. Also, jetzt oder nie! Doch seine Hoffnungen zerschellten an Salaha Baby. Ein ums andere Mal.

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Dem Präsidenten seines Clubs ist natürlich nicht entgangen, was für ein Supertalent er da unter seinen Fittichen hat. Jetzt wittert er das grosse Geld. Jedes einzelne Angebot der grossen Clubs führt schliesslich nicht zu einem Vertrag. Selbst jene aus den renommierten Vereinen Monaco und Dortmund. Der Grund: Baby verlangt jedes Mal 150’000 Euro, um Traoré gehen zu lassen. Und er verlangt noch 30 Prozent der Summe, die der künftige Club verdienen wird, wenn sie den Jungen weiter transferieren. Eine ungeheure Summe für einen so jungen Spieler. Baby pokert mit den Hoffnungen und dem Schicksal von Boubacar Traoré – und er verliert. Keiner ist bereit, so viel für den jungen Malier zu bezahlen.

Für Baby ist das nicht schlimm. Seine eigene Karriere kommt flott voran. Er bewirbt sich als Kandidat bei der Präsidentenwahl in Mali. Und Traoré? Er ist dem Mann ausgeliefert. «Das ist halt so im Fussball», sagt man ihm.

Als Boubacar Traoré schliesslich 18 wird, beginnt sein Stern schon langsam wieder zu sinken. Es kommen weniger hochkarätige Angebote. Das bemerkt auch Baby. Also versucht er, den Jungen doch noch so schnell wie möglich zu platzieren. Irgendwo. Er schickt ihn zum Club Al Assiouty Sport in Ägypten. Nicht gerade die erste Adresse. Der Club zahlt nur 55’000 Dollar für den Spieler. Aber mit einer Klausel im Vertrag sichert sich Baby weiterhin die Rechte an dem Jungen.

Er will einfach nur spielen

Die Zeit in Ägypten wird zur Tortur. Traoré erhält kein Gehalt, nicht einen Cent. Er lebt in einem fensterlosen Raum, Mahlzeiten gibt es nur unregelmässig. «Oft ging ich nach dem Training ins Bett, ohne zu essen», sagt er. Spielen liess man ihn kaum. Experten raten ihm, ein Jahr lang bei dem Club auszuhalten. Dann wäre er frei, losgelöst von Baby in Mali. Doch Traoré will spielen. Seine Freunde in Mali verstehen nicht, warum das Fussballgenie bei diesem zweitrangigen ägyptischen Club versauert. Und dann kommt das Angebot aus Chiasso.

Der junge Malier ist sofort einverstanden zu gehen. Wieder fängt Baby an zu verhandeln. Und so kommt Boubacar am 30. Januar 2018 in Chiasso an. Froh, aus Ägypten entkommen zu sein. Voller Hoffnung auf eine Karriere in der reichen Schweiz. Er will endlich zeigen, was er kann.

Das Land gefällt ihm. Zum ersten Mal sieht er Schnee. Und er kriegt jetzt einen Vertrag. Den hat er zwar nicht gelesen, aber man sagte ihm, er verdiene 4100 Franken brutto und 2000 Franken netto. Wie man auf diese Zahlen kommt, weiss er nicht. Es ist jedenfalls genug, um seine ältere Schwester und seinen jüngeren Bruder in Bamako kräftig zu unterstützen. Er selber braucht nicht viel. Das Zimmer in einer Wohnung, das ihm angeboten wird, reicht ihm. Er will einfach nur spielen. Und der Trainer sagt, er glaube an ihn.

«Ich war bereit, alles, was ich besitze, für dieses Formular zu verkaufen.»Boubacar Traoré

Aber das Kleingedruckte hat es in sich. Das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Chiasso lässt Traoré einen Vertrag unterschreiben, der gemäss Artikel 9 erst dann überhaupt gültig wird, wenn er eine Schweizer Arbeitserlaubnis kriegt. Wenn er die nicht erhält, kann man ihm sofort kündigen. Und solange er sie nicht erhält, wird er auch nicht bezahlt. Experten bestätigen, dass diese Anforderungen dem Standardvertrag der Swiss Football League SFL zuwiderlaufen. Dieser verlangt, dass ein Spieler bezahlt wird in der Zeit von der Unterschrift bis zu einer möglichen Kündigung. Aber was weiss Boubacar Traoré schon von Schweizer Standardverträgen? Er kann nicht einmal Italienisch lesen.

Der 19-jährige Malier versucht jetzt also, in diesem fremden Land irgendwie an eine Arbeitserlaubnis zu kommen. Die Schweizer Behörden verlangen von ihm einen gültigen Vertrag mit einem Club. Aber dafür braucht er eben eine Arbeitserlaubnis. Traoré ist in einem Teufelskreis gefangen.

Ein Ausweg ist das sogenannte International Transfer Certificate (ITC). Das würde ihn retten. Doch das muss sein Präsident in Mali schicken, Salaha Baby. Boubacar Traoré ruft ihn an. Baby verlangt 10’000 Euro dafür. Es ist völlig unklar, warum er Geld verlangt. Er ist dazu nicht berechtigt. Aber Baby weiss, dass Traoré ohne dieses Dokument verloren ist. «Ich war bereit, alles, was ich besitze, für dieses Formular zu verkaufen», erzählt Traoré. «Wir hatten noch zwei Parzellen Land, die meiner Familie gehörten. Aber es hat nicht funktioniert.»

«Am nächsten Tag wurde mir der Zutritt zum Training, zum Stadion, dem Kraftraum und dem Mannschafts-Restaurant verweigert.»Boubacar Traoré

Der FC Chiasso bemerkt bald, dass der junge Malier es nicht schafft, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Noch immer haben sie ihm kein Gehalt bezahlt. Mitte März versuchen sie ihn bereits diskret wieder loszuwerden. Laut Traoré hat ihn ein Sekretär in ein Büro zitiert, ihm ein Ticket nach Bamako angeboten und versprochen, noch 1500 Euro per Western Union zu überweisen, wenn er dann weg sei.

In seiner Not wendet er sich an eine Spieleragentin in Brüssel, Kilam Noa Berry. Zum ersten Mal findet er jemanden, der ihm wirklich hilft. Sie rät ihm, das Angebot von Chiasso abzulehnen, was er dann auch tut. «Am nächsten Tag wurde mir der Zutritt zum Training, zum Stadion, dem Kraftraum und dem Mannschafts-Restaurant verweigert», erzählt Traoré. Noch immer hat er keinen Rappen erhalten. Mittlerweile kann er sich kein Essen mehr kaufen.

Seine Teamkollegen geben ihm manchmal eine 20er- oder eine 50er-Note. Aber Traoré schickt auch dieses wenige Geld nach Hause. Der Malier verliert jetzt an Gewicht. Auch, weil er ständig unter Stress steht. Denn laut Traoré droht ihm der Club nun mit der Polizei. In zwei Wochen läuft sein Visum für die Schweiz aus. Er offenbart sich einem Freund. Der verständigt Reporter der SonntagsZeitung. Und so kommt es zu dem Treffen am 15. April 2018 in Chiasso. Zum ersten Mal erzählt der afrikanische Junioren-Torschützenkönig unter Tränen seine ganze Geschichte.

Und wie endet sie?

Mit einem Happy End. Dank seiner neuen Agentin Kilam Noa Berry gelangte Boubacar Traoré in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Tessin via Mailand nach Spanien und später zum türkischen Club Demirspor in Adana. Sein Schutzengel Noa Berry engagierte auch einen Anwalt in Bamako, der es schliesslich schaffte, von Baby ein ITC-Dokument zu erhalten und dessen Ansprüche auf den Spieler endlich zu löschen. In der Türkei erhält Traoré jetzt zum ersten Mal einen Lohn.

In der Regel verschwinden Afrikas Fussballtalente einfach

Salaha Baby hat zunächst eingewilligt, Fragen zu beantworten. Doch dann verstummte er und meldete sich auf mehrere Nachfragen nicht mehr. Auch der FC Chiasso reagierte auf mehrere Anfragen bis heute nicht. In einem Schreiben an Traoré sagt der Club, der Vertrag mit ihm sei nie in Kraft getreten, weil er und sein Club in Mali nachlässig gewesen seien.

Bei einem Treffen im September in der Türkei wirkt der junge Malier wie verwandelt. Er hat einen Vierjahresvertrag. Der Clubbesitzer will ein Konto für ihn eröffnen, er soll sogar eine Wohnung kriegen. Am 1. November 2018 schiesst Boubacar Traoré sein erstes Tor in der Türkei. Die U-23 in Mali will ihn aufnehmen. Es zeichnet sich eine zweite Chance ab für ihn. Es wäre eine Seltenheit. Normalerweise hört man von den zahlreichen Fussballtalenten aus Afrika nie wieder etwas.

recherchedesk@tamedia.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2018, 22:28 Uhr