In Stralsund wird Europäische Republik ausgerufen

Die Europäische Republik wird am Sonnabend um 16 Uhr vom Balkon des Stralsunder Theaters am Olof-Palme-Platz ausgerufen. Die Aktion ist Teil des „European Balcony Project“, das auf die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse und den schweizer Regisseur Milo Rau zurückgeht. Sie haben ein Manifest verfasst, das am Sonnabend zeitgleich von Balkonen in ganz Europa verkündet wird. Die Idee ist, dass das Europa der Nationalstaaten für gescheitert erklärt und der europäische Rat abgesetzt werden. Dafür wird das Europäische Parlament in eine außerordentliche Position gerückt und die Souveränität aller Bürgerinnen und Bürger erklärt, die sich zu diesem Zeitpunkt in Europa aufhalten.

Mit ihrer Idee schlagen die Initiatoren des Projekts auch eine Brücke zu den Ereignissen vor 100 Jahren in Deutschland, als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 um 14 Uhr vom Balkon des Reichstags in Berlin die erste demokratische Republik auf deutschem Boden ausrief. Eine Vorstoß, der damals eigentlich so nicht geplant war. Scheidemann wollte damit aber Karl Liebknecht, der wenig später zu den Gründern des Spartakusbundes und der Kommunistischen Partei Deutschlands gehörte, zuvorkommen, der um 16 Uhr im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss eine sozialistische deutsche Republik ausrufen wollte und das auch tat. Tatsächlich wirksam wurde dann aber nur die Proklamation Scheidemanns. Die SPD und die bürgerlich-demokratischen Parteien setzten sich nach zum Teil bürgerkriegsartigen Unruhen mit ihren Vorstellungen durch: Das Deutsche Reich wurde von einer Monarchie zur parlamentarisch-demokratischen Republik mit einer liberalen Verfassung.

In Stralsund wird die Schauspielerin Sarah Bonitz das Manifest verlesen. Bereits von 15 Uhr an sind auf dem Vorplatz des Theaters mehrere Aktionen geplant. Nach 16 Uhr kann jeder in einer Diskussionsrunde im Foyer seine Meinung zu der Vision eines neuen Europas ohne Nationen und ohne Grenzen einbringen

Jens-Peter Woldt