Auswärts in Düsseldorf: Hertha trifft den doppelten Abstieg

Die kurze Nachricht flatterte am späten Donnerstagabend über die sozialen Netzwerke herein. „Wir dürfen euch eine erfreuliche Nachricht übermitteln: In Düsseldorf wird es wieder den gewohnten Support für die Mannschaft geben. Mit Trommeln, Fahnen, Schwenkfahnen, Capo, Zaunfahnen.“ Das schrieb die Hertha-Seite „Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC“ um 21.45 Uhr auf ihrem Facebook-Kanal. Mehr als 35 000 Fans haben die Seite abonniert, die in schöner Regelmäßigkeit über Fan-Angelegenheiten beim Fußball-Bundesligisten informiert.

In Windeseile sprach sich die 25 Wörter umfassende Textbotschaft bei den Anhängern der Charlottenburger herum. „Einsichten verändern Ansichten!“, schrieb Andy W. zufrieden. „So ist richtig! Alle müssen an einem Strang ziehen“, befand Christian L.; Vincent H. forderte indes: „Und bitte ohne Randale und Pyro!“ Gabriela B. fügte hinzu: „Hoffentlich ohne Pyro. Sonst endet der Stress nie.“

Vom Runden Tisch an den Rhein

Die zunehmende Nervosität bei Hertha ist überall spürbar. Nicht nur die Klubführung um den bei Fans in die Kritik geratenen Manager Michael Preetz, die sich am Donnerstag erstmals an einem Runden Tisch mit Vertretern unterschiedlicher Fangruppen traf – darunter Ultras. Auch die Anhänger sind vor dem Gastspiel in Düsseldorf besonders angespannt. Es ist kein normales Fußballspiel, das da ab halb vier am Rhein ausgetragen wird. Hertha trifft nämlich gleich im doppelten Sinn auf die Vergangenheit. Mit Friedhelm Funkel und Fortuna Düsseldorf erleben die Berliner eine Begegnung mit dem doppelten Abstieg.

An den 64-jährigen Fortuna-Trainer Funkel, seit über zwei Jahrzehnten als Coach im Fußballgeschäft unterwegs und zwischen 2009 und 2010 für acht Monate an der Seitenlinie von Hertha tätig, haben die Hauptstädter kaum guten Erinnerungen. Funkel übernahm Hertha am 3. Oktober 2009 als Nachfolger von Lucien Favre. Sechs Monate später stand am 33. Spieltag nach einem 1:1 gegen Bayer Leverkusen der vorzeitige Abstieg in die Zweitklassigkeit fest. Pal Dardai, mittlerweile Trainer von Hertha, war damals übrigens Spieler unter Funkel. Es folgte der Wiederaufstieg unter Markus Babbel. Im darauffolgenden Jahr, 2011/2012, gab es dann allerdings den erneuten Niedergang in die Zweite Liga – nach einem skandalösen Relegationsspiel bei Fortuna Düsseldorf. 2:2 endete die Partie, die mehrfach wegen Pyrotechnik auf beiden Fanseiten unterbrochen werden musste und in der die Herthaner nach einem viel zu frühen Platzsturm der glückseligen Fortuna-Fans nur unter Protest weiterspielten und letztlich am Grünen Tisch abstiegen.

„Wir wollen die Vergangenheit die Vergangenheit sein lassen“, findet Pal Dardai. Das sei eine ganz andere Situation, eine ganz andere Hertha. Trotzdem musste der 42-Jährige dann doch noch mal über eben jene Vergangenheit, dieses schlimme Spiel in Düsseldorf, sprechen. Der Ungar war damals Jugendtrainer bei den Blau-Weißen und erinnert sich zähneknirschend zurück: „Was ich damals am Fernseher gesehen habe, hat mir gar nicht gefallen. Es war für beide Seiten nicht schön.“

So erlebten Maier und Mittelstädt als Bubis den Abstieg

Als Hertha vor sechseinhalb Jahren zum letzten Mal binnen zwei Kalenderjahren den Gang in die Zweite Liga antreten musste, waren Arne Maier und Maximilian Mittelstädt noch pubertierende Kinder. Als damals 13- und 15-Jährige erlebten sie das Horror-Szenario als Fans zu Hause auf der Couch. Maier, nun schon in seinem zweiten Profijahr zum Stammspieler und Dauerläufer gereift, sagt rückblickend: „Ich war natürlich sehr traurig. An den Platzsturm kann ich mich nicht gut erinnern.“ Und Mittelstädt, den Dardai mittlerweile im Duell auf der linken Verteidigerposition mit Marvin Plattenhardt, immerhin Confedcupsieger von 2017 und WM-Fahrer, „auf Augenhöhe“ sieht, sagt: „Das waren keine schönen Szenen. Als Fan war ich sehr traurig. dass wir abgestiegen sind.“ Offiziell soll es zwar keine Revanche sein, doch der gebürtige Berliner Mittelstädt, der auch heute mit Maier in der Startformation stehen könnte, erwartet einen umkämpftes Duell: „Wir haben etwas gut zu machen und können Düsseldorf unten reindrücken.“

Mit Blick auf die Vergangenheit und die prekäre sportliche Düsseldorfer Situation (die Fortunen stehen mit nur fünf Zählern auf dem vorletzten Rang) ist auch die Düsseldofer Polizei vorbereitet. Deren Sprecher, Andreas Czogalla, teilte auf Nachfrage mit, dass man aufgrund der zurückliegenden Ereignisse die Partie an diesem elften Spieltag als Hochrisikospiel einstufe. Die nordrhein-westfälische Polizei warte mit mehr Personal als üblich auf, sei allerding vorsichtig optimistisch, dass alles reibungslos ablaufe. In die Bewertung der Sicherheitskräfte floss freilich auch mit ein, dass die Fortuna-Fans zuletzt beim 0:3 in Mönchengladbach massiv Bengalos gezündetet hatten. Die Herthaner dagegen machten vor zwei Wochen in Dortmund mit schlimmen Ausschreitungen auf sich aufmerksam.

Dilrosun im holländischen Kader

Personell hat Dardai heute die Qual der Wahl. 25 Spieler standen dem Coach in diesen Tagen im Training zur Verfügung. Einer, der zurzeit richtig glücklich ist, ist Javairo Dilrosun. Der 20-jährige Flügelflitzer, der zu Saisonbeginn mit zwei Treffern und drei Vorlagen brillierte, erhielt am Freitagvormittag die finale Zusage von Bondscoach Ronald Koeman, im holländischen Kader für die beiden Nations-League-Spiele gegen Frankreich (16. November) und Deutschland (19.) zu stehen. Freudig sagt das Talent: „Es ist eine Ehre für mich. Jetzt hoffe ich, dass ich auch wirklich mein Debüt feiern kann.“

Bevor es aber soweit ist, trifft Dilrosun mit Hertha in Düsseldorf auf die blau-weiße Vergangenheit. „Jetzt brüllt die alte Dame zu drei Punkten“, fordert Josefine S. in den sozialen Netzwerken. Aber bitte friedlich!